Land und Leute

Kirche Frauenberg

Die Sage vom Bau der Kirche Frauenberg

Auf dem am rechten Ufer der Sulm gelegenen Seckauerberg stand südlich von dem Residenzschloss der Fürstbischöfe von Seckau das Schloss Polheim. Die edlen Herren von Polheim waren ein reichbegütertes steiermärkisches Geschlecht, dessen männliche Glieder vielfach in der Geschichte des Landes ehrenvoll genannt werden. Ein Ritter von Polheim war es auch, welcher die "Kirche Maria am Frauenberg" erbaute. Es war eben die Zeit der Türkenkriege. Der alte Polheimer, eine ritterliche Reckengestalt ohne Furcht und Tadel, hatte seinen einzigen Sohn mit zahlreichen Kriegsknechten nach Österreich gesandt, auf dass er gegen die Türken kämpfe. Dadurch hatte er aber sein eigenes Schloss derart entblößt, dass ihm zur allfälligen Verteidigung desselben nur wenige Streiter übrig geblieben waren. Als nun die Türken durch das steirische Murtal heranzogen, befand sich der Ritter in einer sehr unangenehmen Lage. Zwar fürchtete er nichts für sich, denn er war ein alter, in vielen Kämpfen ergrauter Krieger, wohl aber war er um das Schicksal seiner drei erwachsenen Töchter besorgt.

Südlich vom Seckauerberg, in derselben Hügelkette, erhebt sich, von hundertjährigen Buchen beschattet und von wucherndem Gestrüpp verdeckt, ein großer Felsen, der in seinem Inneren eine geräumige Höhle barg. Hierher ließ nun der Ritter von Polheim seine Töchter in Sicherheit bringen und vertraute sie dem Schutze eines treuen Dieners an. Auch ließ der Ritter drei Fässer voll Gold, verschiedene Wertsachen und eine ausreichende Menge von Lebensmitteln in die Höhle schaffen. So glaubte der Polheimer, für das Schicksal seiner Töchter genügend gesorgt zu haben, und traf nun auch alle nötigen Anstalten zur Verteidigung seines Schlosses gegen die Feinde der Christenheit.

Bald zeigten brennende Dörfer und Rauchsäulen das Herannahen der türkischen Heerhaufen an. Diese überschritten unterhalb des Marktes Leibnitz die Sulm, besetzten die Anhöhe, auf welcher jetzt die Kirche Frauenberg steht, mit ihren Geschützen und eröffneten aus diesen ein verheerendes Feuer auf Schloss Polheim. Drei Tage und drei Nächte schon hatte die Belagerung gedauert, aber die festen Mauern des Schlosses leisteten den türkischen Kugeln Widerstand. Am vierten Tage erst verstummte der Donner der Geschütze. Inzwischen waren die Ritterfräulein in größter Angst um das Schicksal ihres Vaters. Als nun die ehernen Todesrohre der Türken schwiegen, bewogen die Mädchen ihren Diener, sich um den Ausgang der Belagerung zu erkundigen. Vorsichtig verließ derselbe die Höhle und bog in den einige hundert Schritte unter dem Felsen vorbeiführenden Hohlweg ein. Da sah er sich plötzlich einigen Türken gegenüber, die ihre Pferde von der Tränke am Sulmfluss heraufführten. So schnell nun auch der Diener sich zu verbergen suchte, die Muselmänner hatten denselben doch gesehen, verfolgten ihn und entdeckten auch alsbald die Höhle, vor deren Eingang die Töchter des Polheimers unvorsichtigerweise auf die Rückkunft ihres Hüters warteten. Die Türken fesselten die Ritterfräulein und führten sie vor den Pascha, welcher sein Zelt auf der Höhe des Berges neben den Geschützen aufgeschlagen hatte. Dieser befahl in seinem Zorn über den Widerstand, den ihm der Polheimer entgegensetzte, die Mädchen über die steile Lehne des Berges hinab in die Tiefe zu stürzen. Dann ließ er die Höhle untersuchen, denn er dachte sich, dass der Ritter in derselben nicht nur seine Töchter, sondern auch seine reichen Schätze verborgen habe. Aber soviel auch die Türken suchten, sie fanden nichts, und nun gab der Pascha seinen Kriegern den Auftrag, den Felsen in die Luft zu sprengen. Nachdem dies geschehen war, zogen die Türken ab.

Nach des Feindes Entfernung war des Polheimers erste Sorge, sich nach seinen Töchtern umzusehen. Eine bange Ahnung beschlich ihn, als er die von den Türken angerichtete Verwüstung und den zerstörten Felsen sah, von dem die Trümmer bis hinab in den Kohlbrand an das Ufer der Sulm geflogen waren. Bald darauf brachten auch einige Knechte die zerschmetterten Leichname seiner vielgeliebten Töchter herbei, und bei ihrem Anblick wurde der greise Ritter so sehr vom Schmerz übermannt, dass er den Felsen verwünschte, in dessen Höhle er seine Töchter vor den Feinden beschützen zu können geglaubt hatte, und ebenso auch den Graben, der die Gebeine seiner Kinder barg.

Das war nun für den alten Polheimer eine traurige Zeit, als er in der Gruft seiner Väter neben dem Sarg seiner schon früher verstorbenen Gemahlin auch seine Töchter beisetzen ließ. Allein irrte er durch die Gemächer seines Schlosses und klagte und weinte über das schreckliche Schicksal, das ihm der Himmel auferlegt hatte. Mit desto größerer Sehnsucht gedachte er jetzt seines Sohnes, den er - im Kampf gegen die Mörder seiner Töchter - von den Gefahren des Todes umgeben wusste. Als nun das Gerücht verlautete, die Türken seien auf dem Rückzug und kämen wieder gegen Leibnitz herangezogen, tat der Ritter das Gelöbnis, der hl. Jungfrau Maria eine Kirche zu bauen, wenn sein Sohn aus dem Krieg wieder gesund heimkehren würde und sein Schloss, das fast aller wehrhaften Männer entblößt war, vom Feind verschont bliebe.

Und siehe da! Kaum hatte der Ritter sein Gelübde getan, verkündete das Horn des Turmwächters die Ankunft einer Schar Reiter, die alsbald im Schlosshof von ihren Pferden absaßen und nun mit ihren Waffen klirrend sich in das Innere des Schlosses begaben. Eben wollte der Polheimer zum Fenster treten und nach den Angekommenen sehen, als die Tür des Gemaches aufging und sein Sohn sich in seine Arme stürzte. Die Freude des Wiedersehens wurde dem Heimgekehrten bald durch die Nachricht von dem schrecklichen Ende seiner geliebten Schwestern getrübt. Der alte Ritter aber fühlte sich froh bewegt, dass sein Sohn glücklich und gesund wieder zurückgekommen war, und vernahm mit Genugtuung dessen Mitteilungen über die den Türken beigebrachten Niederlagen.

Als ein Mann von Wort wollte Ritter von Polheim auch alsbald sein Gelübde erfüllen. Auf dem Gipfel des Berges, an dessen Abhängen die zerschmetterten Leichname seiner Töchter aufgefunden worden waren, sollte das der heiligen Jungfrau geweihte Kirchlein entstehen. Baumeister, Werkleute und Gesellen wurden berufen und der Bau begonnen. Immer höher und höher erhoben sich die Mauern des Kirchleins und bald sollte, so schien es, dasselbe vollendet werden; da trockneten plötzlich alle Brunnen und Wasserrinnen ein. Die Sulm glich einem kleinen Bächlein und ihr Inhalt genügte kaum, den Durst der Bewohner zu löschen. Auch die Mur war bedeutend kleiner geworden, und wenn die Leute daraus für sich Wasser schöpfen wollten, wurden sie davon abgehalten, denn bei der allgemein im Lande herrschenden Trockenheit sollten ja auch die vielen Tausenden von Bewohnern der unteren Steiermark aus diesem Fluss ihren Bedarf für das Haus decken können. So also schien es, als sei der Himmel dagegen, dass der Bau des Kirchleins vollendet werde.

Von dem schrecklichen Ereigniss, welches über sein Haus gekommen war, aufs tiefste erschüttert, fühlte der alte Ritter von Polheim seine letzte Stunde herannahen; seine Kräfte erlahmten und der sonst so kräftige Mann glich nunmehr einem morschen Baum, der nur eines leisen Lüftchens bedarf, um zusammenzubrechen. Und doch wünschte der Ritter sehnlichst, den begonnenen Bau des Marienkirchleins auf dem Frauenberg vollendet zu sehen. Er drängte den Baumeister, den Bau zu beschleunigen; aber derselbe erwiderte stets, es ginge nicht, es wäre wegen des mangelnden Wassers ganz und gar unmöglich. Darüber untröstlich, flehte der alte Polheimer zum Himmel, aber es zeigte sich kein regenbringendes Wölkchen. „Wer weiß, wozu es gut ist", sagte er und tröstete sich damit, dachte aber unausgesetzt darüber nach, wie er denn doch die Fortführung und Vollendung des Kirchenbaues ermöglichen könnte. Endlich fiel ihm ein, dass er ja in dem Keller viele hundert Fässer voll guten Wein habe, und er berief den Baumeister und die Werkleute und gab ihnen seinen Willen kund, dass anstatt des fehlenden Wassers der Wein aus seinem Keller zum Bau verwendet werden solle. Also wurden die vollen Weinfässer auf den Bauplatz gebracht, mit dem edlen Nass der Mörtel angemacht und so der Weiterbau des Kirchleins ermöglicht, das dann auch bald vollendet dastand.

Der alte Ritter von Polheim konnte noch der ersten hl. Messe in der von ihm erbauten Kirche am Frauenberg beiwohnen; er konnte sich noch erfreuen an dem frommen Sinn der Gläubigen, welche in langen Zügen den Berg hinanwallten, um in dem neuen Gotteshaus der hl. Jungfrau zu danken für den langersehnten Regen, der sich am Tage der Einweihung des Kirchleins über die Gegend ergossen hatte. Dann aber schloss er für immer seine Augen und wurde wenige Tage danach in die Gruft seiner Ahnen an der Seite seiner im Tode vorangegangenen Gemahlin und seiner unglücklichen Töchter zur ewigen Ruhe gebettet. Der Name des Ritters wird sich stets an das von ihm erbaute Kirchlein knüpfen, aber auch die Benennungen: der "verwunschene Felsen" und der "verwünschte Graben" werden in den Bewohnern des paradiesischen Leibnitzerfeldes immerwährend das Andenken an den alten Polheimer und seine unglücklichen Töchter rege halten.

Die in der Höhle des Berges vom Ritter verborgenen Goldfässer, nach denen die Türken vergeblich gesucht hatten, sollen noch im Inneren des Felsens vorhanden sein und von einem großen, schwarzen Hund bewacht werden; alte Leute wollen denselben öfters mit einem Schlüssel im Mund gesehen haben. Schon viele haben hier nach den verborgenen Schätzen gesucht und gegraben, aber nichts gefunden; denn das Gold wurde eben mit verwünscht und bleibt es auch.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911